Er komme regelmäßig. Mindestens einmal im Jahr. Würde dann – quasi – das Notwendige mit dem Schönen verbinden. Das Notwendige, das sei die Unterarmprothese, das Schöne ein Abstecher in das Freizeitbad in Bad Klosterlausnitz – schließlich komme er aus Pegau bei Leipzig, was ja jetzt nicht gleich um die Ecke liegt.

Es sind Geschichten wie diese, die Clemens Engelhardt, seines Zeichens Leiter der Orthopädischen Werkstatt im Klinikum Eisenberg seit 2013, mit seiner Tätigkeit verbindet. Und eine besagter Geschichten handelt von jenem Patienten, der da in den 60er Jahren in einer Silvesternacht seinen Unterarm verlor. Ein selbstgebauter Böller war dafür verantwortlich. Wie gesagt, es ist nur eine Geschichte, die Clemens Engelhardt, der einst 1991 in der Werkstatt das Handwerk zum Orthopädietechniker erlernte erzählen kann – schließlich begleite er den Werdegang des Patienten aus Sachsen in Sachen Orthopädie schon ein paar Jahre.

Neues Kapitel in der Geschichte aufgeschlagen

Heute nun feiert die Werkstatt ihr 70-jähriges Bestehen, deren Geschicke – zum einen – Clemens Engelhardt, zum anderen Robert Hüttner, der wiederum seit 2012 Kaufmännischer Leiter ist, innehaben. „Das war ein Bruch in der jüngsten Vergangenheit, eine strategische Neuausrichtung“, so Robert Hüttner, der damit auf den Umzug in die neuen Räumlichkeiten 2013 verweist. Damit habe man der Geschichte der Werkstatt ein neues Kapitel hinzugefügt.

In gewisser Weise schließt sich an jener Stelle – vorläufig zumindest – der Orthopädie- Kreis, dessen Ursprung im Jahr 1946 liegt. Besser gesagt am 2. Dezember 1946. An jenem Tag meldete Otto Bock der Stadt Eisenberg, dass er hier am Waldkrankenhaus eine orthopädische Werkstatt errichten will. Für die rund 200 Quadratmeter Werkstatt zahlte er monatlich 222 Reichsmark Miete. Am 10. Dezember 1946 begannen schließlich fünf Orthopädiemechaniker unter Leitung von Arno Linschmann mit der Arbeit. Eine Win-Win-Situation, wie man heute sagt: Die Firma Otto Bock/Königsee hatte nun eine „eigene“ Klinik, das Waldkrankenhaus wiederum hatte seine eigene Werkstatt. Rudolf Elle erwähnte in einem Aufsatz 1947 stolz, dass bereits jetzt der Prothesenbau in der Werkstatt wissenschaftlich vorangetrieben wird – trotz der Wirren der Nachkriegsjahre und der unvorstellbaren Arbeitsbedingungen. In den ersten Jahren wohnten sogar einige der Mitarbeiter sehr spartanisch in leerstehenden Krankenhausbaracken.

Im August 1945 wurde das Krankenhaus errichtet. Oder besser gesagt die Baracken, die heute noch vereinzelt als quasi stumme Zeugen im Wald stehen. Doch seit Kriegsende wurde nicht mehr weiter gebaut. Eine „Zentrale für Körperversehrte“ richtete der Staat dort ein. Versorgt wurden dort vor allem Soldaten und ehemalige Gefangene aus aller Herren Länder. Von August 1945 bis August 1946 wurden im Waldkrankenhaus 37 500 Versehrte orthopädisch versorgt – bisweilen unter unvorstellbaren Bedingungen. Rudolf Elle schrieb 1947: „Die Not war groß. Es kam vor, dass Patienten nicht entlassen werden konnten, weil keine Bekleidung vorhanden war… Die Zeit zwischen operativer Versorgung und Entlassung wurde zur Umschulung der Krüppel genutzt.“ Die Körperversehrten wurden – mit Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht und der Thüringer Firmen – insgesamt zwei Jahre ausgebildet, so dass sie trotz Prothesen „…wertvolle Arbeitskräfte“ für das Land Thüringen waren. Die Kriegsleiden kamen Jahre später noch einmal nach Eisenberg : In den 1960er Jahren mussten dort noch einmal Kriegsversehrte behandelt werden. 30 Algerier, die im Krieg gegen die Kolonialmächte verletzt wurden, bekamen hier nicht nur Prothesen, sondern auch eine Ausbildung zum Orthopädiehandwerker. Auch Offiziere aus Ägypten wurden hier behandelt. So gut, dass die Kollegen der Orthopädischen Werkstatt vom ägyptischen Botschafter zu einem Empfang geladen wurden.

Entwicklung von Prothesen durch Elle

Schon als Arzt in Hamburg hatte Rudolf Elle intensiv Forschung betrieben. Das führte er hier in der neuen orthopädischen Werkstatt fort. Elle untersuchte unter anderem die Druckverhältnisse im Schaftinneren von Prothesen. Dabei gelang es ihm, die Schafte und Stumpfbetten der Prothesen zu verbessern und die sogenannte „Dr. Elle-Haftprothese-Eisenberg“ zu entwickeln.

1977 wurde die Orthopädische Werkstatt zur Bezirks-Leiteinrichtung für Orthopädie des Bezirkes Gera berufen. Über zehn Jahre wurden dort jährlich Meister-Vorbereitungslehrgänge durchgeführt – die praktische Gesellenprüfungen finden bis heute dort statt. Unsere orthopädische Werkstatt gehört heute in den Bereichen myoelektrischen Hand- und Beinprothesen sowie Korsettversorgung zu den führenden Herstellern Deutschlands. 3-D-Scanner, Hightec-Paßteile und -Materialien sind für die insgesamt 18 Mitarbeiter der Werkstatt – darunter eine Auszubildende – selbstverständliche Arbeitsmittel. Übrigens: mit Otto Bock/Königsee arbeitet die orthopädische Werkstatt noch heute zusammen.

Und Clemens Engelhardt? Ja, der 41-jährige Meister für Orthopädietechnik kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er denn über sein Metier sinnieren darf. Es sei sehr facettenreich und würde zahllose Materialien wie beispielsweise Holz, Metall oder Harz vereinen. Und da die Prothesen und Orthesen nun einmal für Menschen hergestellt werden, würde jedes Exemplar individuellen Charakter besitzen. Man baue in gewisser weise am Menschen, so Engelhardt, der im nächsten Atemzug noch auf einen Widerspruch seiner Tätigkeit verweist: „Eigentlich will das ja niemand haben, was wir hier herstellen“, erklärt er. Umso erfreulicher sei es dann jedoch, wenn er sehen könne, wieseine Patienten aufgrund der Hilfsmittel ein Stück Lebensqualität zurück bekämen.

Und so erging es sicherlich auch jenem Patienten aus Pegau, der vor vielen Jahren in der Silvesternacht einst einen Unterarm verlor.